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Jürgen Osterbrink: Gewalt in der Pflege

Alkoholismus, Sexualität und Gewalt unter Pflegenden und Ärzten: allesamt Tabuthemen, die man ungern anspricht. Drastische Fälle werden medial aufgearbeitet – das wohl berühmteste Beispiel sind die skandalträchtigen Gepflogenheiten in den 80er Jahren im damaligen Krankenhaus Lainz, dem heutigen Krankenhaus Hietzing. Die Großzahl der Fälle von Gewalt im Pflegealltag bleiben jedoch unerwähnt, teilweise auch unerkannt. So ist die nicht ausreichende Versorgung von Essen und Trinken, das Ruhigstellen durch Psychopharmaka und ähnliche Praxis durchaus in diese Kategorie einzureihen. Doch welche Formen von Gewalt gibt es nun? Prof. Osterbrink unterscheidet hier zwischen der direkten und strukturellen Gewalt:

     

Direkte Gewalt: als direkte Gewalt kann jede Art von körperlicher Gewalt durch bspw. Schlagen, Festhalten, Festbinden, bis hin zur Tötung (etwa durch bewusstes Verabreichen dem Gesundheitszustand nicht dienliche Medikamente) gezählt werden. Direkte Gewalt muss jedoch nicht immer körperlich sein, sondern kann auch in Form von psychische Gewalt stattfinden. Etwa durch Einschüchterungen, Beleidigungen, Grobheit in der Sprache, oder pure Unfreundlichkeit. Eine weitere Form der direkten Gewalt sind Benachteiligungen und das Zufügen von finanziellem Schaden, wie etwa das Leerräumen von Sparbüchern oder die Abänderungen von Testamenten.


Strukturelle Gewalt: die strukturelle Gewalt bezeichnet Prof. Osterbrink als Folge struktureller Schwierigkeiten im Gesundheitssystem. Als treibenden Faktor nennt er die Arbeitszeitmodelle, welche vom Ärzte- und Pflegepersonal optimale Leistung und volle Patientenversorgung innerhalb kürzester Zeiträume abverlangen. Dieser Umstand sorgt zwangsweise für Stresssituationen und führt somit zu einem Gefährdungspotential. Zusätzlich ist im Rahmen der strukturellen Gewalt die Gewaltprävention und ein Frühwarnsystem wichtige Eckpfeiler. Zahlreiche Gesundheitsinstitutionen haben Frühwarnsysteme erfolgreich etabliert und arbeiten in transparenter Umgebung. Auch die Supervision ist in der Gewaltprävention ein entscheidender Kernpunkt (bspw. Die Erinnerung, warum man sich für die Ausübung dieser Tätigkeit entschieden hat).


Menschen haben Recht auf Würde: Zweifellos ist die Pflege eine humane Dienstleistung an Menschen und eine sehr körpernahe Beziehung, die mit liebevoller Begleitung einhergehen muss. Je hilfloser ein Patient ist, desto ausgelieferter ist er dem Pfleger und somit steigt auch der Grad der Gefährdung, Gewalt tatsächlich zu erfahren. Gewalt in der Pflege und Gewaltprävention müssen daher ein fest verankerter Teil der Ausbildung im Pflegebereich sein bzw. werden. Doch nicht nur Ausbildungsinhalte, sondern auch die für diesen Beruf notwendige Empathie spielt eine entscheidende Rolle.


Wo findet Gewalt in der Pflege statt:

- 70% im stationären Bereich im Krankenhaus

- 20% in Pflegeheimen

- 2% im häuslichen Bereich


Angehörige: Was kann man nun machen, um Gewalt in der Pflege entgegenzuwirken? Vor allem als Angehöriger ist man hier gefragt, Handlungen zu setzen. Im Verdachtsfall sollte man sich mit dem Hausarzt in Verbindung setzen, oder die Heimleitung in einem Pflegeheim informieren. Eine besondere Rolle und vor allem Verantwortung kommt hier auch dem Sachwalter bei demenziellen Erkrankungen zu. Entscheidend ist Hinweise jedenfalls ernst zu nehmen, ein Verdachtsfall darf nicht weggeredet werden (s. Lainz).


Fazit: Zweifellos gibt es eine Individualschuld, jedoch darf die strukturelle Schuld nicht außer Acht gelassen werden. Die Reorganisation der Pflegedienste ist eine unabdingbare Voraussetzung für die erfolgreiche Versorgung von Patienten in Zukunft. Pflege ist und bleibt ein herausforderndes Feld im Alltag, da man zB bei demenzkranken Personen wesensveränderte Umstände mitbegleitet. Als Präventionsmaßnahme sind Frühwarnsysteme unabdinglich, und auch das Kommunikationsdreieck Angehöriger-Pflegender-Hausarzt muss funktionieren.


Zur Person Jürgen Osterbrink: seit April 2007 Vorstand des Instituts für Pflegewissenschaft und Praxis an der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität Salzburg, außerdem Professor für Pflegewissenschaft an der University of North Florida, Jacksonville (USA), Träger des Großen Ehrenzeichens der Republik Österreich.



Osterbrink, J./Andratsch, F: Gewalt in der Pflege: Wie es dazu kommt. Wie man sie erkennt. Was wir dagegen tun können. C-H-Beck Verlag, Oktober 2015.


Weitere Referenzen zum Thema:



Weissenberger-Leduc, M./Weiberg, A.: Gewalt und Demenz. Ursachen und Lösungsansätze für ein Tabuthema in der Pflege. Springer Verlag, 2011.



Hirsch, R: Der Pflegeberater und Gewalt in der häuslichen Pflege. Sehen. Erkennen. Handeln. GRIN Verlag, 2010.


Bärsch, T./Rohde, M.:Deeskalation in der Pflege. Gewaltprävention - Deeskalierende Kommunikation - Schutztechniken. Books on Demand, 2010.



perfekt-betreut.at, April 2016



In der Ö1 Sendung „Von Tag zu Tag“ spricht Natasa Konopitzky mit Prof. Jürgen Osterbrink über das Tabuthema Gewalt in der Pflege. [07.04.2016]